Mickey Jupp
Englischer Rockmusiker und Songwriter

Mickey Jupp - Englischer Rockmusiker und Songwriter

Geburtstag: 6. März 1944 Southend-on-Sea

Musikrichtung: Singer/Songwriter - Rock'n'Roll - Rock (allgemein)

Nation: Großbritannien


Abschrift aus Munzinger Archiv


Wirken

Nichts wirft ein besseres Schlaglicht auf Schaffen und Karriere von Mickey Jupp als der Stoßseufzer des deutschen Musikjournalisten und erklärten Jupp-Fan Jörg Gülden, den dieser 1979 ausstieß, als sein Held bereits fast schon eine Art Legende zu Lebzeiten war und von Kollegen in England als der "weiße Chuck Berry" verehrt wurde: "Ginge es nach Credits in Form von Plattenrezensionen, Konzertreviews usw., Mickey Jupp wäre längst ein Superstar. So aber steht er auch heute noch lieber hinter dem Tresen seines Musikinstrumente-Ladens in Southend als irgendwo auf einer Bühne" ('Rock Session', 3/79).

Dem am 6. März 1944 in Southend-on-Sea, einem im südostenglischen Essex gelegenen See-Urlaubsort an der Themse-Mündung, geborenen Gitarristen und Pianisten, Sänger und Songwriter haftete nach R & B-Anfängen in den 60ern und trotz von der Kritik hochgelobter Platten, die mit ihrer lebendigen Mischung aus Blues, Rock'n'Roll und guter Laune den Pubrock der 70er Jahre vorwegnahmen, immer der Ruf an, zu gut für ein Massenpublikum zu sein. Um so mehr wurden seine Kompositionen von Musikerkollegen geschätzt und nachgespielt. Unter denen, die seine Songs zum Teil auch mit Hitparaden-Erfolg coverten, finden sich Namen wie THE SEARCHERS, Nick Lowe, Dave Edmunds und nicht zuletzt Pubrockbands wie DR. FEELGOOD oder THE KURSAAL FLYERS.

Schon als Kind hatte Mickey Klavier gelernt, sich aber als Teenager der Gitarre und dem Rock'n'Roll von Vorbildern wie Chuck Berry und Jerry Lee Lewis zugewandt, was ihm in seiner Heimatstadt knapp 20jährig einen Job bei den Lokalmatadoren THE BLACK DIAMONDS einbrachte. Southend war schon in den frühen 60er Jahren während der Vor-BEATLES-Ära für seine kreative Beat-Musikszene bekannt. Nach dem nur kurzen Gastspiel bei den "schwarzen Diamanten" wechselte J. dank Vermittlung der Freunde Gary Brooker und Robin Trower, die damals in einer weiteren Southend-Band namens THE PARAMOUNTS spielten (aus denen später PROCOL HARUM hervorging), zu der lokalen Beat-Attraktion THE ORIOLES. Deren Mischung aus originellen Jupp-Stücken und R & B-Standards verschaffte ihnen dank zahlreicher Live-Auftritte zwar eine fanatische Anhängerschaft, aber keinen Plattenvertrag, so daß sich die ORIOLES nach einigen Umbesetzungen Ende 1965 - zu dieser Zeit mit Bob Clouter (dr), John Bobin (b) und Mo Witham (g) - endgültig auflösten, zumal J. gerade wegen versäumter Unterhaltszahlungen für seine Ex-Frau ins Gefängnis mußte.

Wieder in Freiheit, gründete er eine Band mit Namen THE JAM (weder verwandt noch verschwägert mit der New Wave-Mod-Gruppe in den Endsiebzigern), deren Leadgitarrist kurzzeitig PARAMOUNTS-Robin Trower war, die aber weder Platten aufnahm noch Live-Auftritte absolvierte und schon bald wieder auseinanderfiel. Nach diesen ersten Flops und einer fast dreijährigen Kunstpause versuchte J. erst 1968 wieder ein erneutes Bandprojekt unter dem etwas großartig anmutenden Namen THE LEGEND. Die Band sollte ihm aber alle Ehre machen, drei Alben - zwei grandiose sowie ein eher durchwachsenes - sowie mehrere Singles produzieren und es endlich auch zu überregionaler Popularität als Vorläufer des Anfang der 70er Jahre aufkommenden Pubrocks bringen. Das ursprüngliche Line-up der ebenfalls noch in Southend stationierten Gruppe bestand neben J. aus Chris East (g, harm, voc), Steve Geere (b, voc) sowie Nigel Dunbar (dr). Schon nach der Veröffentlichung der ersten gleichnamigen und in nur neun Stunden etwas hastig eingespielten Platte bei 'Bell-Records' - deren erste englische Band sie nebenbei waren - im März 1969 löste sich diese erste LEGEND-Formation noch im gleichen Jahr jedoch wieder auf, während sich sowohl das Album als auch die ausgekoppelte Single "National Gas" mehr schlecht als recht verkauften. Unverdrossen begann der auf den kommerziellen Mißerfolg trotzig reagierende J. an einer Neuauflage von LEGEND zu basteln. Für das 1970 bei 'Vertigo' veröffentlichte Album, dem er merkwürdigerweise den gleichen Titel wie seiner ersten Platte gab und das deshalb in Fan-Kreisen den Zusatz-Titel "Red Boot" erhielt (wegen des brennenden roten Stiefels auf dem Cover), rekrutierte der Singer-Songwriter als komplett ausgewechselte Begleitband alte Mitstreiter aus ORIOLES-Zeiten wie Mo Witham (g), John Bobin (b) sowie Bill Fifield (dr). Bei dem Album handelte es sich laut fachkundiger Auskunft um Mickey J.s Meisterwerk: "herzzerreißende Balladen im Wechsel mit archetypischen Rockern, nicht zu vergessen J.s Hymne an die schreibende Zunft 'My Typewriter' " ('Rock Session', 3/79). Obwohl auch diese zweite, von Tony Visconti produzierte LEGEND-Platte zum Flop wurde, inspirierte ihr vom R & B bestimmter Rock'n'Roll entscheidend das nun rasch populäre Pubrock-Genre mit seiner "Back-to-basics"-Tendenz. Gruppen wie DUCKS DELUXE, die KURSAAL FLYERS, die später das J.-Stück "Cross Country" auf ihrer exzellenten Platte "Chocs Away" von 1975 nachspielten, oder DR. FEELGOOD, die Mickey J.s "Cheque Book" (ebenfalls von der "Red Boot"-Platte) für ihr Album "Down By The Jetty" coverten und mit "Down At The Doctors" einen UK-Hit landeten, fühlten sich von LEGEND beeinflußt. Deren Zusammenhalt bröckelte jedoch schon bald wieder. Ende 1970 stieg Drummer Fifield aus und wechselte zu T. REX, wo er unter dem Pseudonym 'Bill Legend' auf die Trommeln haute. Seinen Platz bei LEGEND nahm mit Bob Clouter ein weiterer Ex-ORIOLE ein. Das mit ihm 1971 eingespielte Album "Moonshine" fand nicht nur wiederum zu wenig Käufer, sondern konnte auch das hohe Niveau seiner Vorgänger nicht halten. Einzig der mittlere Erfolg der Single-Auskopplung "Life" auf dem europäischen Festland bzw. Italien stellte einen kleinen Lichtblick dar. Das endgültige Aus von LEGEND war jedoch besiegelt, nachdem sie während einer chaotisch verlaufenden Italien-Tournee im Sommer 1972 von den Veranstaltern übers Ohr gehauen wurden und Hals über Kopf auf die Insel zurückkehrten.

Mittlerweile zwar als Autorität und Schlüsselfigur der blühenden Pubrock-Szene anerkannt, zog sich J. nach diesem unrühmlichen Ende der LEGEND erst einmal frustriert auf sein Musikgeschäft in Southend zurück. Mitte der 70er Jahre kletterte er gelegentlich für eine lokale Band namens KILROY auf die Bühne und formierte 1975 kurzzeitig eine Mickey Jupp BIG BAND mit Leuten wie Pete Zear (g) und Bob Fish (voc; später bei den DARTS), die in südenglischen Szenekreisen immerhin einige Aufmerksamkeit erregte. Da aber das große, fast zehnköpfige Line-up eine nationale Tournee verhinderte, trat J. vorwiegend allein oder nur mit Frank Mead (sax, harm) in Clubs und Pubs auf. Kleine, aber immerhin überregionale Schlagzeilen machte der Singer-Songwriter erst wieder 1977, als auf dem 'Arista'-Label seine Single "Nature's Radio" (Rückseite "Down At The Doctors") erschien, ein Titel mit Ohrwurmrefrain und solch überzeugenden Pop-Qualitäten, daß die BEATLES hätten neidisch werden können. Beteiligt waren u. a. bekannte Session-Musiker wie Glen LeFleur (dr) oder Jimmy Jewell (sax), der auch schon Joan Armatrading begleitet hatte. Dank nachhaltiger Radio-Unterstützung avancierte die Single zum mittleren Hit-Erfolg auf der Insel. Nach diesem ersten Lichtblick holten die musikverrückten Macher des alternativen 'Stiff Records'- Label, das bald zum Flaggschiff der englischen New Wave avancierte, den Southend-Musiker endgültig aus seiner provinziellen Versenkung und verpflichteten ihn als einen ihrer ersten Künstler - gerade rechtzeitig, hatte der doch "langsam alles satt und war drauf und dran, nach Norden zu ziehen", so J. über seine damalige Situation. Der 'Stiff'-Kontrakt sei nicht nur das erste Mal, daß er im Musikgeschäft "einen richtigen Deal" abgeschlossen habe, er wolle diesmal auch dabeibleiben, schließlich mache es zuviel Spaß, "wieder zu spielen und mir die Seele aus dem Leib zu singen" (J. in: 'Sounds', 11/78).

Unter dem Titel "Mickey Jupp's Legend" veröffentlichte 'Stiff' noch 1978 eine neueingespielte Compilation der besten Songs von LEGEND, der nach zeitgenössischer Kritikermeinung "unterbewertetsten Gruppe schlechthin" ('Sounds', 8/78), und überredete J. zu der Produktion seiner ersten richtigen Solo-Platte "Juppanese", die ebenfalls 1978 erschien. Dabei half ihm auf der A-Seite die befreundete ROCKPILE-Formation, allen voran Nick Lowe und Dave Edmunds, der auch produzierte. Herauskam "unverwüstlicher Rock'n'Roll, wie ihn Chuck Berry nicht hätte besser spielen können" ('Rock Session', 3/79). Seite zwei wurde von PROCOL HARUM-Chef Gary Brooker produziert und mit Hilfe von Session-Größen wie Chris Spedding (g), Bruce Lynch (b) und Dave Mattacks (dr) eingespielt. Die zwei Plattenseiten offerierten durchaus unterschiedliche Stimmungen. Glänzte die erste Seite mit fetzigen und melodischen Songs wie "Short List" oder der programmatischen Single-Auskopplung "Old Rock'n'Roller", wurde die B-Seite von eher sanften und klavierlastigen Balladen wie dem fast schmachtend gehauchten Rührstück "Partir C'est Mourir Un Peu" dominiert. Gleichwohl drang auch hier wieder J.s schnörkel-, aber keineswegs finessenloser R & B hinter den Orgelklängen Gary Brookers durch, so etwa in der Losgehnummer "Brother Doctor, Sister Nurse".
Nach der Veröffentlichung der "Juppanese"-Platte wagte sich J. im Frühjahr 1978 mit neuer Begleitband THE CABLELAYERS - Mick Grabham (g; ehemals bei COCHISE und PROCOL HARUM), Ron Telemacque (dr; vorher u. a. THE EQUALS) sowie John Gordon (b; Ex-HIGHWAY) - im Vorprogramm von Elvis Costello auch wieder auf die Live-Bühne und war umjubelter Part der legendären 'Be Stiff'-Tour 1978 (nach dem gleichnamigen DEVO-Song, den auch J. coverte). Für einen kurzen Moment schien es, als ob der sympathische "Old Rock'n'Roller" mit dem trotz Lockenkopf irgendwie britischen Aussehen und ohne jede Rockstar-Allüren im dritten Anlauf seinen Kultstatus ablegen könnte. Den Hang zum Eigenbrötlerischen stellte J. aber nachdrücklich unter Beweis, als er - aus Angst vorm Fliegen - den US-Teil der 'Be Stiff'-Tour absagte, kurz darauf auch das Label wechselte und bei 'Chrysalis' unterschrieb, das damals viele New Wave-Acts zeichnete.

Das Niveau seines vielgepriesenen Solo-Debüts, das immerhin den Sprung in die unteren Chart-Ränge geschafft hatte, konnte J. mit dem 1979 folgenden Album "Long Distance Romancer" nicht halten. Produziert von den 10cc-Köpfen Lol Creme und Kevin Godley, wartete die Platte dagegen mit für den R & B-Veteranen untypischen Tönen auf, vermehrtem Einsatz von Percussion, raffinierteren Arrangements und merklich experimentierfreudiger, allerdings auf Kosten seiner natürlichen Spontanität. Außer Godley & Creme waren noch ROXY MUSIC-Saxophonist Andy Mackay und Bassist Gary Tibbs beteiligt. Ruhige Balladen wie "True Love" oder "Barbara" wechselten sich mit funkigen Gitarren ("Chevrolet"), Reggae-Parodien ("I'm In Control") und poppigen Laid-back-Stücken wie "Hard Times" oder dem Quasi-Titelsong "Switchboard Susan" ab. Dieses soulig angehauchte Stück kam zugleich in einer Coverversion von Nick Lowe (auf seinem Album "Labour Of Lust") auf den Markt, da es ursprünglich für die "Juppanese"-Platte vorgesehen war. J. hatte sich damals aber geweigert, den Titel mit ROCKPILE aufzunehmen, so daß Lowe kurzerhand seine eigene Stimme zu den schon fertigen Tapes mischte.

Daß J.s Songs durchaus hitparadentauglich waren, sollten typischerweise immer andere Interpreten demonstrieren, so etwa 1980 auch Elkie Brooks mit "He Could Have Been An Army", dessen Text von Mike Stoller stammte, der einen Hälfte des legendären Songwriter-Duos Leiber/Stoller. Der vom Erfolg nicht gerade verfolgte J. fand mit seiner dritten Solo-Veröffentlichung "Oxford", die 1980 bei 'Line Records' erschien, zurück zu bewährten R & B-Tugenden und betont schlichter Instrumentierung. Produziert hatten die Brüder Gavin und Ian Sutherland, geholfen der Ex-LEGEND-Drummer Bob Clouter sowie Dave Bronze (b) und Ian 'Chuck' Duck an den Gitarren. Neben schnellem Rock'n'Roll und witzigen Texten ("Monty Bronte And The Sisters") gab's wieder Pubrock vom feinsten, aber auch puren Power-Pop in der Manier eines Nick Lowe ("Poison Girls") mit feinen Melodien, solidem Handwerk und süffisanten Wortspielen ("Oxford Dick And The Words"), insgesamt eine Mischung, die an die Platten von Dave Edmunds erinnerte, wenngleich der öffentlich ebenso stille Mickey Jupp auch etwas feinfühliger an die Sache heranging. War seine Stimme im übrigen nicht gerade einzigartig zu nennen, hoben sich seine Kompositionen auch diesmal wieder "überaus wohltuend von kommerzieller Durchschnittsware" ab (so das Wiener Magazin 'Vox', 7/81).

Für eine weitere Verstärkung der R & B-Elemente sorgte J. 1982 mit Unterstützung des versierten Blues-Produzenten Mike Vernon, der die Platte "Some People Can't Dance" produzierte. Wie seine Vorgänger fand aber auch dieses wiederum mit exzellenten Studiomusikern aufgenommene Album des offenbar zum ewigen Geheimtip verdammten J. kaum Käufer außerhalb seiner eingefleischten Fan-Gemeinde. Von der Kritik wurde der Singer-Songwriter wegen seiner zwei Tugenden gelobt, einmal fast süßliche Popsongs schreiben sowie andererseits "schwarzen" bluesigen Rock spielen zu können, und zwar so überzeugend, "daß man vermuten könnte, der Mann käme nicht aus dem verregneten England, sondern direkt aus den Sümpfen von Memphis oder New Orleans" ('Musik Express', 4/82). Selbstbewußt und allen aktuellen Musiktrends eine Absage erteilend, lieferte der "originellste und humorvollste Songschreiber der englischen Rock'n'Roll-Szene" ('tageszeitung' vom 6.4.1982) eine weitere Hommage an seine amerikanischen Vorbilder ab. Gefühlvolle Soul-Balladen mit leicht puertoricanischem Einschlag wechselten sich mit kernigen Up-tempo-Rockern und erdigen R & B ab. Dicke Bläser-Arrangements, ein swingendes Saxophonspiel - verantwortlich dafür Howie Casey (u. a. WINGS und ABC), der neben Terry 'Tex' Comer (von der Pubrockband ACE) am Baß, Steve Holly an den Drums und Mo Witham an den Gitarren die kongeniale Begleitung J.s bildete - und ein flächendeckender Backgroundgesang waren in den beiden grandiosen Doo Woop-Stücken "So That's What It Is" und "Virginia Weed" zu hören, die "Some People Can't Dance" zu einer der "Juppanese"-Platte ebenbürtigen Glanzleistung J.s machten. In seinen Songs beschreibt J. persönliche Erlebnisse und Ansichten in Form von kleinen Stories voller Witz und Charme über Liebe, Musik und Fußball: "Ein Bier im Pub, 'guter alter Rock'n'Roll' und am Wochenende ein interessantes Fußballspiel - der Traum des Mickey J." ('tageszeitung' v. 6.4.1982).

Nur wenig bessere Verkaufszahlen als das Vorgänger-Album schrieb J.s nächstes Werk mit dem Friseurladen-Titel "Shampoo, Haircut & Shave", dessen Produktion Mike 'Francis' Rossi und Bernie Frost (STATUS QUO) übernahmen. Das Cover der 1983 bei 'A & M' - seinem mittlerweile fünften Label - verlegten Platte - abgelichtet waren J. und ein Modell seiner bevorzugten Automarke 'Chevrolet' - war ob seiner amerikanischen Tendenz programmatisch zu verstehen. Der zeitweilig in den USA lebende Musiker dankte denn auch Chuck Berry für "spiritual guidance" - allerdings auch dem heimischen Fußballclub 'Southend United'. An Neuem zu hören waren vor allem Country-Einflüsse, so etwa in dem Song "Catstye Cam", der zusammen mit dem schnellen und seiner Frau Dina gewidmeten R & B-Stück "Little Miss America" zu den Höhepunkten gehörte.
Nach diesen fünf Platten innnerhalb von fünf Jahren wurde es in der zweiten Hälfte der 80er Jahre wieder einmal ruhiger um J. Weitere fünf Jahre sollte es dauern, bis sich der mittlerweile Mittvierziger 1988 wieder mit einem regulären Album zurückmeldete. Schlicht "X" betitelt, bot die in England von 'Waterfront', in Deutschland von 'Line Records' vertriebene Platte zum Teil sehr countrylastigen, spärlich instrumentierten Pubrock. Gesang, Keyboards und die meisten Gitarren waren von J. selbst, 'with a little help' von alten Southend-Kumpels wie Witham, der in den 80er Jahren bei einer Wiederauflage der THUNDERBIRDS von Chris Farlowe mitwirkte, Chris East oder DR. FEELGOODs Lee Brilleaux, der bei dem starken Rockabilly-Stück "Lover By Night" sein Harmonika-Spiel zum besten gab. Daß der "britische Eigenbrötler" ('Stereoplay', 12/88) mit seinem zehnten Album (inklusive der LEGEND-Platten) wiederum nicht den großen Durchbruch schaffen würde, war der Kritik ebenso von vornherein klar, wie eine Richtungs- und Stiländerung niemand ernstlich mehr erwartete. Moniert wurden allenfalls die "häufig aufdringlich dominanten Keyboardakkorde" ('Stereoplay', 12/88) in leicht merkwürdigen Songs wie "Close To Me", der entfernt an die TALKING HEADS erinnerte. Mickey Jupp vom Feinsten offerierten aber die bittersüße Ballade "Driving On Your Lights", die Country-Parodie "Nashville" sowie die poppig-bluesigen "Songwriter's Lament" und "First Things First". Ansonsten sang der freundliche Einzelgänger den "Blues For The Blues", stieg in seinen "Big Black Cadillac" und fuhr in altbewährter Manier allein "The Road" hinunter, denn: "A Man Always Cries On His Own."

Anfang der 90er Jahre legte 'Line Records' für den deutschen Musikmarkt verdienstvollerweise alle Solo-Platten J.s als CD wieder neu auf, das "Juppanese"- Album u. a. angereichert mit den gesuchten 'Stiff'-Singles als Bonustracks (darunter "Don't Talk To Me", "Nature's Radio" und "Be Stiff"). Mehr als durch eigene Produktionen verdiente sich J. in dieser Zeit als Songlieferant seine Brötchen. So coverten Chris Farlowe und Pete York 1991 die J.-Komposition "Never Too Old To Rock" (Text von Cris East) oder Farlowe für seine Solo-Platte "Waiting In The Wings" (1992 bei 'Line Records' erschienen) die Stücke "Function To Function" und "Make It Fly". Für die nur noch sporadischen Neu-Veröffentlichungen von Mickey Jupp, der sich Ende der 80er Jahre, Anfang der 90er Jahre des öfteren in den USA aufhielt bzw. dort seinen Zweitwohnsitz nahm - alternierend mit dem Lake District in Nord-England -, wurden in eingeweihten Kreisen nicht zuletzt private Gründe verantwortlich gemacht. Um so mehr freuten sich die alten Fans, daß 1991 endlich wieder etwas von ihrem Helden zu hören war: "As The Yeahs Go By", so der hübsche Titel seiner neuen Platte, die als eine Art Fazit des eigenen musikalischen Schaffens konzipiert war, also ohne große Experimente oder stilistische Ausflüge. Dazu paßte eine erfrischende Neuauflage seines Klassikers "Old Rock'n'Roller" oder eingängiger Bluesrock wie der starke Opener "Standing At The Crossroads Again", den Freund Edmunds 1994 für seine Platte "Plugged In" covern sollte. Überraschend soulig und zeitgemäß kam die Ballade "Not Wanted Anymore" mit kräftigen Bässen und verzerrter Gitarre daher, während der C & W-Schmachtfetzen "Funny Old World" dem verehrten Johnny Cash nachzueifern schien. Gute Laune, Boogie-Woogie-Rhythmus und J.s eher konservative Lebensphilosophie servierte der Song "(Looking Down At The World) From A Barstool". Geholfen hatten dem jetzt erst recht jegliche Show-Attitüden ablehnenden Pubrock-Veteranen alte Haudegen wie Tex Comer und Frank Mead, der in den 80er Jahren sein Geld u. a. bei Manfred Manns EARTHBAND und später als Sessionmusiker für Beverly Craven verdiente. Ed Deane (steel-g), vorher bei den ROCKETS, sowie 'The Big Figure' (dr; ebenfalls von Farlowes THUNDERBIRDS) komplettierten die Band und sorgten für einen kompakten professionellen Sound.

Im Anschluß an die wie gehabt weithin unbeachtete "Yeahs"-Platte verlor sich die Karriere-Kurve des Songwriters einmal mehr in ziemlich obskure bzw. private Gründe, während die internationale Musikpresse schon vorher kaum noch Notiz von ihm nahm. Ende 1994 war dann wieder Neues von dem zeitweilig in Schweden lebenden Musiker zu hören, der für die schwedische Plattenfirma 'Gazell Records' eine neue CD mit dem Titel "You Say Rock" produzierte, wobei es allerdings noch fraglich war, ob und wann sie überhaupt auf dem internationalen bzw. deutschen Plattenmarkt erscheinen würde. Während sich Weggefährten wie Nick Lowe oder Dave Edmunds in den 90er Jahren mit ihrer Musik immerhin eine Nische im schnellebigen Musikgeschäft und materielles Auskommen erspielt hatten, scheint dem sie an Songwriter-Qualitäten vielleicht übertreffenden und, wenn man so will, unverstandenen Genie J. nicht einmal dies vergönnt. Zumal seine Songs nach wie vor fleißig gecovert werden - so spielte etwa die deutsche Country-Band FUNNY HILL 1994 das Stück "Till Honkey Gets Tonkey Again" auf ihrem Album "Bordertown" nach -, wäre ein Tribute-Album, wie es ähnlich verdienstvolle Kollegen wie Richard Thompson Mitte der 90er zu Recht erhielten, im Falle Mickey J. mehr als überfällig. Seinen freilich wenig einkömmlichen Platz in der Hall Of Fame der Rockmusik hatte er sich rückblickend bereits vor und während der Pubrock-Welle in den 70er Jahren gesichert.

Diskographie m. THE LEGEND:

"Legend" (1969), Bell
"Legend" bzw. "Red Boot" (1970), Vertigo
"Moonshine" (1972), Vertigo
Sampler:
"Mickey Jupp's Legend" (1978), Stiff
solo:
"Juppanese" (1978), Stiff/Line
"Long Distance Romancer" (1979), Chrysalis/Line
"Oxford" (1980), Line
"Some People Can't Dance" (1982), A & M/Line
"Shampoo, Haircut And Shave" (1983), A & M/Line
"X (Ten)" (1988), Line
"As The Yeahs Go By" (1991), Line
"You Say Rock" (1995), Gazell Records (bisher nur in Schweden erhältlich)

Best Of/Hitlist

National Gas (1969)
Cheque Book (1970)
Life (1972)
Nature's Radio (1977)
Old Rock'n'Roller (1978)
Short List (1978)
Chevrolet (1979)
Switchboard Susan (1979)
Poison Girls (1980)
Virginia Weed (1982)
Little Miss America (1983)
First Things First (1988)
Standing At The Crossroads Again (1991)

Adresse c/o Line Music GmbH, Postfach 60 52 20, 22247 Hamburg

(Dirk Lau)©
Munzinger Archiv, 06/95